jugend.werkstatt felsberg e.V.

jugend.werkstatt

Geschichte

Der Anfang. Die 80er Jahre.
Ökologie und Selbstorganisation im alternativen Ausbildungsprojekt.

Die Jugendwerkstatt wurde 1984 gegründet und als Verein eingetragen. Gründer/innen waren engagierte Menschen aus der Jugendarbeit und Jugendbildungsarbeit im nördlichen Schwalm-Eder-Kreis.

Anlass der Vereinsgründung war die hohe Jugendarbeitslosigkeit Anfang der 80er Jahre. Mit der Gründung der Jugendwerkstatt sollte gerade für den ländlichen Raum an Handlungsstrategien gegen die Jugendarbeitslosigkeit und an Perspektiven für Jugendliche gearbeitet werden.

Leitziele der Vereinsgründung waren die Selbsthilfe, die Ökologie und die eigenständige Regionalentwicklung. Jugendliche aus Felsberg und Umgebung sollten in der Jugendwerkstatt eine hochqualifizierte Ausbildung bekommen und sie mit speziellen ökologischen Kenntnissen und erweiterten beruflichen Perspektiven verbinden können.

Es wurde ein Ausbildungsgang für Energieanlagenelektroniker/innen entwickelt, in den berufsspezifische oder berufsnahe ökologische Projekte und theoretische und praktische Zusatzqualifikationen integriert wurden. Diese zusätzliche ökologische Qualifikation wurde als auf dem Arbeitsmarkt verwertbarer Qualifikationsvorsprung wie auch als Basis eines späteren Jugendbetriebes gesehen, denn die Zielperspektive hieß: Neue Arbeitsplätze durch neue Nachfrage nach Ökotechnik.

Der erste Ausbildungsdurchgang schloss 1988 folgerichtig mit der Gründung der “Soltronic GmbH”, die den Schwerpunkt ihrer Arbeit im Bau von Sonnenkollektoranlagen zur Brauchwasserbereitung, Photovoltaik- und Regenwassersammelanlagen hatte.

Das Ausbildungskonzept musste allerdings in den folgenden Jahren geändert werden. Es kamen nicht mehr die Jugendlichen zu uns, die trotz guter persönlicher Voraussetzungen aufgrund der Wirtschaftslage keinen Ausbildungsplatz bekommen hatten, sondern zunehmend jene, die schon in der Schule mit großen persönlichen oder sozialen Problemen zu kämpfen hatten.

Anfang der 90er Jahre wurde die Jugendwerkstatt vom alternativen Ausbildungsprojekt zum Träger der Benachteiligtenförderung. Die Ökologie wurde als Ausbildungsinhalt reduziert, dafür aber ab 87 in einer öffentlichen Beratungsstelle profiliert. Bildungsveranstaltungen, Ausstellungen, Hausbesuche, Prospektversand, Architektur- und Technikberatung und Solaranlagenvertrieb standen im Mittelpunkt der Arbeit des Energieberatungszentrums “ebezet”.

Der Ausbau. Die 90er Jahre.
Produktionsschule, deutsche und europäische Kooperationen.

Anfang der 90er Jahre wurde das Ausbildungskonzept erneut verändert. Das Angebot an Ausbildungsplätzen wurde ausgeweitet auf

  • Elektroinstallateur/innen
  • Hauswirtschafter/innen
  • Maler- und Lackierer/innen
  • Bürokaufleute

Begonnen wurde mit 20 Plätzen. Zu Zeiten der höchsten Jugendarbeitslosigkeit Anfang des 21. Jahrhunderts waren es dann mehr als 100 Plätze.

Hinzu kam die Entwicklung eines Berufsorientierungs- und Berufsvorbereitungsangebots. Mit diesem erweiterten Ansatz ging es darum, Jugendliche, die Probleme mit der beruflichen Integration haben, an verschiedenen biografischen Stationen aufnehmen zu können. Gerade auf dem Land, wo die verstreuten Standorte verschiedenartiger Maßnahmen für die nicht motorisierten Jugendlichen kaum zu erreichen sind, besteht ein großer Bedarf nach wohnortnahen, maßnahmeübergreifenden, inhaltlich breit und organisatorisch flexibel angelegten Qualifizierungs- und Betreuungseinrichtungen.

Für die Berufsvorbereitung, die mit 12 Plätzen startete, zwischenzeitlich auf 40 anwuchs und 2007 wieder auf 32 Plätze reduziert wurde, wurden zwei neue Werkstätten eingerichtet,

  • Holzwerkstatt
  • Metallwerkstatt.

Hier sowie in den Ausbildungswerkstätten und in Betrieben ihrer Wahl können beschäftigungslose Jugendliche oder Schüler/innen ihre Berufsfindung durch das Erproben verschiedener Berufe fundieren oder sich auf die Ausbildung in einem gewählten Beruf vorbereiten.

Gemeinsam mit anderen Trägern wurde ein Mädchentreff eingerichtet, in dem es neben einem Café, Hausaufgabenhilfe und Kreativkursen auch verschiedene Berufsorientierungsangebote gibt.

Alle Angebote der beruflichen Bildung waren und sind geprägt vom Gedanken des ganzheitlichen Lernens, den wir in den dänischen Produktionsschulen kennengelernt hatten. Neben sozialpädagogischer Begleitung, Stütz-, Sprach-, allgemeinbildendem und PC-Unterricht gehören Sport, Exkursionen und Seminare, Erlebnispädagogik, Gewalt- und Drogenprävention, Kreativangebote (Musik, Akrobatik, Film, Malen etc.), internationale Jugendbegegnungen und regelmäßge Projektarbeit zum Programm aller Abteilungen. Zwei Modellversuche galten dem Transfer und der Transformation des dänischen Konzepts.

Neben der Errichtung der Produktionsschule waren die 90er Jahre geprägt durch eine Reihe größerer Kooperationsprojekte. Im Austausch mit thüringischen und spanischen Partnern wurde Know-How in den Bereichen Projektentwicklung und -management und Solartechniken weitergegeben.

Das neue Jahrtausend -
Kooperation mit Schule und Wirtschaft, regionale Vernetzung.

Ende der 90er Jahre wurde das Ausbildungskonzept erneut modifiziert. Nachdem immer deutlicher wurde, dass außerbetrieblich ausgebildete Jugendliche trotz guter Prüfungsergebnisse nur schwer einen adäquaten Arbeitsplatz finden, wurde eine engere Kooperation mit dem regionalen Handwerk gesucht. Es wurde eine Ausbildungskonzeption entwickelt, nach der die Jugendlichen nach 6 Monaten persönlicher Stabilisierung und Grundausbildung in der Jugendwerkstatt, nach verschieden langen Praktika in den folgenden 18 Monaten dann zum 3. Lehrjahr in betriebliche Ausbildung vermittelt werden. Die Jugendlichen werden bis zum Ende der Ausbildung von der Jugendwerkstatt betreut, haben durch die betriebliche Ausbildung allerdings wesentlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Handwerksbetriebe und die Jugendwerkstatt sind durch die gemeinsame Ausbildung näher zusammengerückt.

Kooperationsmodelle wie dieses wurden in der Benachteiligtenförderung bald als richtungweisend angesehen. Auch in der Jugendwerkstatt wurde dieses Konzept nach der Pilotphase mit den Maler/innen und Elektriker/innen auf die Bürokaufleute und ab 2006 auch auf die neuen Ausbildungsberufe Metallbauer/innen und Tischler/innen, die wir seit 2005 anbieten, übertragen.

Neue Kooperationen gibt es auch mit den Schulen. Nachdem die PISA-Studie bekannte Mängel dramatisch ins allgemeine Bewusstsein gerückt hatte, begann allseits die Suche nach neuen Konzepten. Berufsorientierungskurse in der Schule, Verbindung von theoretischem und praktischem Lernen - viele alte Forderungen finden heute offene Ohren. In Felsberg begannen 2002 zwei Kooperationsprojekte mit den umliegenden Haupt-, Gesamt- und Lernhilfeschulen. Diese Kooperationen wurden in den folgenden Jahren ausgebaut mit dem Ziel, Haupt- und Lernhilfeschüler/innen durch externe Angebote in ihrer Berufsorientierung und Berufsfindung zu unterstützen. Es wurden Kompetenzfeststellungsverfahren für Schüler/innen entwickelt, Probierwerkstätten und Bewerbertrainings werden angeboten, Praxistage in Betrieben organisiert und begleitet und Trainings von Internetrecherche und Sozialkompetenz durchgeführt. Der Übergang ins Berufsleben wird durch das Coachen von Schüler/innen der Abgangsklassen gefördert. Für die Jugendlichen, die einen besonderen Beratungs- und Förderbedarf haben, wurde 2007 im Verbund mit zwei anderen Jugendberufshilfeträgern im Kreis die Kompetenzagentur Schwalm Eder errichtet.

Seit 2009 wird das Berufsorientierungsangebot in einer vom BMBF vorgegebenen und finanzierten Form durchgeführt: 10 Tage Werkstattpraxis für 8. Klassen in mindestens 3 Berufsfeldern. Jährlich kommen etwa 350 Schüler/innen aus 14 umliegenden allgemeinbildenden Schulen zu uns in die Schülerwerkstätten. Sie probieren sich aus, fertigen kleine Produkte, erhalten Informationen über Ausbildungsberufe und Bewertungen von Ausbildungsmeister/innen. Damit kommen sie im Prozess ihrer Berufswahl ein gutes Stück voran.

Auch der Arbeitsbereich Energiebildung konzentrierte sich ab 2001 stärker auf regionale Kooperationen. Nach 10 Jahren europäischer Kooperationsprojekte mit Partnern aus Spanien, Dänemark, Österreich und Tschechien wurden mehr nationale Modellversuche und Projekte durchgeführt. Die Entwicklung handlungsorientierter Ausbildungsmodule zu nachhaltigen Energietechniken wird hier verbunden mit der Erprobung von Lernortkooperationen und der regionalen Vernetzung von Bildungsakteuren. In den letzten Jahren wurde der Focus von der beruflichen Bildung auf die allgemeine Energiebildung verschoben: für den regionalen Einsatz im Schwalm-Eder-Kreis wurden nachbarschaftliche Energieberater/innen und spezielle Berater für Hartz IV-Haushalte ausgebildet.

Neu war zum Ende dieses Jahrzehnts die Zuwendung zu kürzeren Trainings- und Aktivierungsmaßnahmen der ARGE/des Jobcenters, die wir bis dahin als nicht zielführend abgelehnt hatten.  Anhaltende Kürzungen im Bereich der Ausbildungsförderung zwangen uns zum Umdenken. Eine Zeit lang wurden zahlreiche unterschiedliche Trainingskurse angeboten. Nicht nur für Jugendliche, auch für Erwachsene. Dann wurden den Jobcentern die Mittel weiter beschnitten, und auch diese Kurse wurden eingestellt.

Die Jugendwerkstatt Felsberg aber hat sich in diesem Prozess von einer Jugendwerkstatt zu einem Bildungszentrum für Jugendliche und Erwachsene weiterentwickelt.

Wiederaufnahme. Die 10er Jahre.

Wiederbelebung der Produktionsschule und der transnationalen Ausrichtung.

In anderen Bereichen entwickelte sich die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter positiv. Neben den Trainingsmaßnahmen arbeiteten wir in zwei wichtigen Projekten eng zusammen: der Kompetenzagentur und einem transnationalen Projekt zur Verbesserung der Arbeitsmarktintegration für Langzeitarbeitslose mit multiplen Vermittlungshemmnissen. Auslandspraktika und ein anschließendes Coaching motivieren sie neu und führen zu außergewöhnlichen Integrationserfolgen. Hier kamen uns unsere langjährigen internationalen Beziehungen mit französischen und polnischen Partnerorganisationen zu Gute. Seit 2016 gehört auch Italien zu den Partnerländern.

2012 haben wir begonnen, unsere Produktionsschule neu zu beleben. Dieses Mal allerdings – wie im PS-Mutterland Dänemark üblich - als pädagogisches Konzept für die Berufsvorbereitung und nicht für die Ausbildung. In der Metall- und Holzwerkstatt werden hochwertige Produkte für Haus und Garten hergestellt und auf regionalen Gartenmärkten verkauft. Eine Küchenlinie sorgt für das gemeinsame Essen. 2016 kam als vierter Bereich eine IT- Werkstatt dazu. Sie ist Teil einer konzeptionellen Erweiterung, des Konzepts einer Internationalen Produktionsschule. Mit diesem Konzept wollen wir auf 20 Plätzen wenigstens einigen der jungen Flüchtlinge am Ort Orientierung und Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen. Zusätzlicher Deutschunterricht und individuelle sozialpädagogische Betreuung unterstützen sie dabei.

An den Schulen starteten wir ab 2014 mit einer Reihe neuer Projekte, mit denen der Übergang von der Schule in den Beruf verbessert und Nachhaltigkeitsdenken gestärkt werden sollen: Projekte zur Unterstützung der schulischen Berufsorientierung, zur Werbung für die duale Ausbildung und Verbesserung der Vermittlungsprozesse, zur Werbung für MINT-Berufe und zur Werbung für die Einbeziehung von Klimaschutz in den Unterricht. Ein anderes Projekt hilft durch die Begleitung von Betrieben und Auszubildenden in Krisensituationen Ausbildungsabbrüche zu verhindern.

Ab 2015 ist die bessere Integration alter und neuer Migrant/innen zum wichtigen neuen Thema für uns geworden. Dafür werden wir in 2016 und 2017 sogar noch einmal bauen.

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